Zweistimmengesang der engen Intervalle in Istrien und im Kroatischen Küstenland

Zweistimmengesang der engen Intervalle in Istrien und im Kroatischen Küstenland

Wenn Sie sich in Istrien aufhalten und einen eigenartigen Gesangsstil zweier Sänger vernehmen, von denen einer im Falsett und der andere in normaler Stimmlage singt, und die von noch ungewöhnlicheren Instrumententönen begleitet werden, verlieren Sie nicht die Geduld und hören Sie sich die Darbietung bis zum Ende an, denn wenn Sie sich erst einmal an die schrägen Töne gewöhnt haben, eröffnet sich Ihnen eine ganz neue Welt.

 

Dieser ganz eigene Typ des zweistimmigen Folkloregesangs, begleitet von traditionellen Instrumenten, entwickelte sich in Istrien und im Kroatischen Küstenland, obwohl wir die Töne dieser komplexen musikalischen Ausdrucksweise auch auf einem wesentlich breiteren Gebiet finden können. Die Komplexität der gesanglichen Darbietung beruht auf den nicht temperierten Tonintervallen beim zweistimmigen Gesang; um die charakteristischen Töne hervorbringen zu können, müssen die Sänger teilweise durch die Nase singen. Auf den ersten Blick mag das alles strikt und genau festgelegt erscheinen, doch in diesem Folkloregesang steckt recht viel Improvisation, besonders wenn Gesang und textuelle Teile miteinander kombiniert werden, wenn Worte durch Silben ersetzt werden und damit der Ton einer Flöte nachgeahmt wird – dann wird es erst richtig interessant. 

 

Damit alles authentisch und traditionell klingt, müssen gewisse Regeln eingehalten werden. Womit gemeint ist, dass die Töne einstimmig, bzw. im Oktavabstand enden müssen. Je nach dem Raum, in dem dieser Gesang praktiziert wird, haben sich vier Unterarten des Gesangs in engen Intervallen entwickelt. So pflegt man neben dem Gesangsstil „Tarakanje“, der das Spiel einer Schalmei nachahmt, auch noch die Stilarten „Bugarenje“, „Diskant“-Gesang und „Dünn und dick“, beziehungsweise „Kanat“-Gesang.   

 

Bei der Darbietung des Zweistimmengesangs enger Intervalle kommt die Musikbegleitung von der Flaute, Sackpfeife, Flöte oder Tambura, doch das am häufigsten benutzte Instrument ist die Schalmei. Dieses Instrument mit konisch gebohrter Röhre und einem Mundstück aus Holz wird immer im Paar gespielt, und zwar so, dass die hohe Mala (oder weibliche) Sopila mit der tiefen Terze die tiefe Velika (oder männliche) Sopila begleitet. Die Sopile zeichnen sich nicht nur durch einen spezifischen Klang aus, sie sind auch einzigartig, weil sie der Istrischen Tonleiter folgen. Von der Vielzahl der lokalen musikalischen Begriffe und der ungewöhnlichen Istrischen Skala sollten Sie sich nicht abwenden, sondern sie vielmehr als Aufforderung zur Erkundung dieser ungewöhnlichen musikalischen Form verstehen. Dabei wird sich Ihnen eine ganze eigene Kultur Istriens und des Kroatischen Küstenlands eröffnen, die sich nicht nur auf Gesang und Spiel beschränkt. Sind Sie bereit, auf Erkundungstour zu gehen?